Deutsch lernen in Berlin – Interview mit Lucy vs. the Globe

von Lingoda Team
November 24, 2015

Wir freuen uns, diesen Monat eine neue Post-Reihe vorzustellen, die sich mit dem Thema “Deutsch lernen in Berlin” beschäftigt!

Diese Stadt, in welcher sich das Büro von Lingoda befindet, ist außerdem ein Ort, der in den letzten Jahren viele neue Einwohner aus anderen Ländern dazu gewonnen hat. Viele dieser neuen Einwohner fangen entweder erst an Deutsch zu lernen, wenn sie nach Berlin ziehen oder versuchen die Sprache schon vorher zu lernen. Viele verlassen sich aber auch einfach darauf Englisch zu sprechen.

Deshalb haben wir uns entschieden, uns mit vier in Berlin lebenden Bloggern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, zu unterhalten, um mehr darüber zu erfahren, wie sie damit zurechtkamen, in eine deutschsprechende Stadt zu ziehen und Deutsch zu lernen.

Für unser letztes Interview haben wir mit Lucy gesprochen, die sowohl für den Lifestyle Blog Lucy vs. the Globe als auch für Luzi Gegen Haan verantwortlich ist, in welchem sie ihren Fortschritt beim Deutsch lernen festhält!

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  • Können Sie sich vorstellen?

Mein Name ist Lucy. Ich betreibe einen Blog namens Lucy vs. the Globe, welcher vom Leben berichtet und wie man dieses besser gestalten kann. Ursprünglich komme ich aus Australien, aber ich bin 2012 aus den USA nach Berlin gezogen und habe seitdem Deutsche auf höfliche Art und Weise beleidigt.

Im Moment lebe ich in einer eher kleinen Stadt im Westen Deutschlands und versuche, besser Deutsch zu lernen. Ich habe einen blöden Blog darüber namens Luzi Gegen Haan gestartet, welcher diese Erfahrung dokumentieren soll – aber ich glaube, ich mache damit vielleicht weiter, denn das Ganze ist recht nützlich!

Mein Lieblingsessen ist singapurische Laksa, ich mag keinen Reis, ich habe einen Zweit- und einen Drittnamen, eine Schwester, keine Haustiere und ich erzähle Geschichten mit viel zu vielen Details und nicht genug harten Fakten.

  • Wann sind Sie nach Berlin gezogen und was war Ihre Motivation?

Ich bin 2012 nach Berlin gezogen. Zuvor habe ich vier Jahre in den USA gelebt und war gerade erst nach New York gezogen, wo ich nicht so gut zurechtkam. Damals hatte ich so etwas wie einen Freund, der Deutscher war, und es gab in Berlin einen Job, den ich wirklich haben wollte. Eines Tages sprach ich mit meiner Mutter und sagte ihr, dass es in Deutschland einen Job gäbe, den ich für sehr interessant hielt und sie erwiderte nur: „Warum ziehst du nicht einfach um?“ – Ich buchte an diesem Nachmittag einen Flug und verließ New York zwei Wochen später. Natürlich hat es weder mit dem Job noch mit meinem quasi festen Freund geklappt, aber ich blieb trotzdem, weil ich ein masochistisches Arschloch bin ¯_(ツ)_/¯

  • Haben Sie Deutsch gelernt, bevor Sie hierhin gezogen sind? Wann und wie haben Sie angefangen?

Ich fing etwa zwei Monate, nachdem ich ankam, an Deutsch zu lernen. Ich kam mitten im Sommer nach Berlin, was großartig war, denn ich hätte emotional gesehen nicht überlebt, wenn ich im Winter angekommen wäre – aber es war auch blöd, weil alle Schulen wegen der Sommerferien geschlossen waren. Deshalb konnte ich anfangs nicht wirklich einbringen, und dann bekam ich drei Wochen nach Beginn des Deutschkurses einen Job. Erst 2014 habe ich wieder angefangen Deutsch zu lernen, was dann, wenn ich ehrlich bin, der wahre Anfang meines Versuchs war Deutsch zu lernen.

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  • Wie wichtig ist es für Sie als Berlinerin, Deutsch zu verstehen und zu sprechen? Wie beeinflusst das Ihr Leben?

Ich hätte auch ohne Deutsch in meinem momentanen Leben überlebt. Aber ich sehe in dieser Denkweise keinen großen Fortschritt. Alltägliche Aufgaben sind kompliziert (bei o2 anzurufen, einen Klempner zu finden etc. etc.) und man muss reflektieren (das ist das Deutscheste, was ich seit Ewigkeiten gesagt habe), ob man die Möglichkeit haben will, sich von seinem gegenwärtigen Standpunkt zu einem Deutschen weiterzuentwickeln, oder ob man bleiben will, wie man ist und in einer Blase leben will.

Ohne die Sprache kann man kann nicht so tief eintauchen und verliert an Freiheit. So ist es zum Beispiel wirklich blöd, über dreißig Jahre alt zu sein und sich auf andere Leute verlassen zu müssen, um Aushilfsjobs zu bekommen. Und zusätzlich verpasst man es, eine Kultur zu verstehen, in die man sich selbst begeben hat – was wirklich schade ist.

  • Wie ist Ihre Meinung zu Orten in Berlin, an denen nur Englisch gesprochen wird, wie beispielsweise Restaurants, die nur englische Speisekarten haben, etc.?

Oh, das ist ein schwieriges Thema. Auf der einen Seite finde ich sie großartig, weil wir offen in dieser vielfältigen Stadt leben können und jeder (mehr oder weniger) involviert ist. Wir haben in Berlin so eine wunderbare, internationale Gemeinschaft, welche die Stadt (neben vielen anderen Dingen) zu etwas Besonderem macht und dies verdanken wir teilweise der Offenheit Englisch gegenüber. Doch andererseits denke ich, dass einer der Gründe, warum ich nach drei Jahren in Berlin noch kein Deutsch spreche, die Tatsache ist, dass wir so locker mit Englisch umgehen. Es gibt keinen Druck Deutsch zu lernen. Das ist also eine Zwickmühle.

  • Hatten Sie je das Gefühl, dass Sie Ihr Sprachlevel im Deutschen limitiert? Wenn ja, in welchen Situationen?

Ich glaube, wenn man als englischsprachige Person in Deutschland nur Grundkenntnisse in Deutsch hat, wird einem vieles vorenthalten. Man kann das Leben nur zu 60% leben, weil es verdammt schwer ist, den Rest, ohne die Sprache bis zu einem gewissen Maß fließend zu sprechen, hinzubekommen. Ich finde es wunderbar, dass wir in Berlin leben können und nicht unbedingt die Sprache sprechen müssen, aber ich glaube, dass es eine gute Idee ist, sie zu sprechen, wenn man ein ausgefülltes Leben in Deutschland haben möchte.

  • Was ist beim Deutsch lernen die größte Herausforderung?

Es gibt so viele Wörter. Im Ernst – ich glaube, es gibt etwa vier Arten, zu sagen, dass man etwas anschaut. Wahrscheinlich ist das im Englisch genauso, es ist also vielleicht nichts Besonderes…Zweiter Versuch: Ich schätze, das schwierigste ist, dass ich gerne spreche und einbezogen werde – wenn man jung ist und die Sprache lernt, ist es in Ordnung, nicht einbezogen zu werden – denn, mal ehrlich, was will man groß sagen? Nichts Gutes. Wenn man älter wird, ist es wirklich schwer, wenn man sich nicht auf möglichst eloquente Art artikulieren kann.

Ich schätze, mein anderes Problem ist, dass es zudem schwer ist, eine Sprache zu lernen und dann zu sprechen, die alle anderen schon können. Es ist einfacher/weniger nervig für alle, Englisch zu sprechen – aber für die englischsprachige Person, die Deutsch lernt, ist das nicht gerade hilfreich. Das ist irgendwie anstrengend.

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  • Was wäre Ihr Ratschlag für diejenigen, die in Zukunft Deutsch lernen wollen oder die Sprache bereits lernen, aber Probleme damit haben?

Oh je – ich habe keinen guten Rat. Ich bin seit drei Jahren hier und mein Deutsch ist bestenfalls auf B1.2 Niveau, was ziemlich dürftig ist. Ich bin erst kürzlich weg von Berlin, um bei einer deutschen Familie zu leben und sechs Wochen lang Deutsch zu sprechen. Ich denke, dass es großartig ist, wenn man irgendwohin flüchten kann, wo nur Deutschsprechende leben – aber ich bin nicht sicher, ob das für viele Leute aus Geld- und Arbeitsgründen ein realistischer Plan ist.

Aus meiner Sicht ist es am besten, sich in die Sache zu stürzen. Schreiben Sie sich in einen Kurs ein, sprechen Sie in Ihrem Twitter Feed nur Deutsch, starten sie einen blöden Blog, in welchem Sie Deutsch schreiben. Je mehr Sie machen, desto größer wird Ihr Fortschritt sein – deshalb glaube ich, der besten Weg, Deutsch zu lernen, ist, weniger zu reden / sich über den effektivsten Weg Gedanken zu machen und stattdessen einfach anzufangen. Auf mich wirkt es, als würden die Leute in Berlin viel über das “Deutsch lernen” reden, aber sind nicht so gut darin sind, tatsächlich Zeit dafür zu investieren. Also – nehmen Sie sich die Zeit. Und wenn das nicht klappt? Suchen Sie sich einen deutschen Freund bzw. deutsche Freundin. Die ganze Internationalität muss schließlich zu irgendetwas gut sein.

  • Gibt es irgendeine witzige Anekdote in Bezug auf das Deutsch lernen (oder die Probleme damit), die Sie gerne mit uns teilen möchten?

Einmal nannte ich die Mutter von jemanden eine “geile Mutter”. Das lag daran, dass ich gehört hatte, wie Leute das Wort geil/e im Sinne von cool/ abgefahren/ großartig genutzt haben, deshalb glaubte ich, das sei angebracht, denn ihre Mutter war tatsächlich cool – aber das war es nicht. Bringen Sie niemals die Worte geile und Mutter zusammen.

  • Was ist Ihr deutsches Lieblingswort? Und welches Wort können Sie noch immer nicht richtig aussprechen?

Bedauerlicherweise kann ich “Friedrichshain” absolut nicht korrekt aussprechen (habe ich das überhaupt richtig geschrieben? Das ist ein Bezirk, den ich nicht mag). Das ist einer von vielen Gründen, warum ich nie dorthin ziehen würde – oh, und “nichts”. Das ist bei weitem eines der schwersten, zugleich aber auch einfachsten, Wörter der deutschen Sprache.

Ein Lieblingswort zu wählen ist echt schwer, denn: Mag man ein Wort dafür aufgrund des Klangs oder der Bedeutung? Was den Klang betrifft, mag ich es, wenn Deutsche “nö” sagen. Mit meinem australischen Akzent klingt es anders, aber es ist nicht so schwierig, das nachzumachen. Mein Lieblingswort (weil es perfekt ist) ist Fremdschämen (ich bin nicht sicher, ob ich es richtig geschrieben habe) – es beschreibt das Gefühl, sich absolut und vollkommen für eine andere Person oder deren Handeln zu schämen. Wir haben kein so prägnantes Wort dafür im Englischen und ich glaube, es ist in meinem alltäglichen Leben so bedeutend, weil Menschen so oft wirklich furchtbar sind.

 

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