Kann eine Sprache sexistisch sein?

von Cassie Wright
March 06, 2019

„Ich bin nicht herrisch. Ich bin die Chefin.“

Jedes Mal, wenn ich daran denke, meine billige Handyhülle zu ersetzen, sehe ich diesen Spruch und muss schmunzeln. Auf den ersten Blick ist es einfach, ihn einfach nur als einen frechen Spruch abzutun, mit dem man Accessoires verzieren kann.

Aber die Wahrheit hinter dem Spruch liegt in der Art und Weise, wie wir Sprache im Alltag gebrauchen. Wer eine Frau als herrisch bezeichnet, meint damit nichts Nettes. Wenn eine Frau also sagt, „ich bin nicht herrisch, ich bin die Chefin,“ dann ist das eine Gegenwehr gegen die Art und Weise, wie dieses Wort genutzt wird.

Im Gegensatz zu Sprachen wie Spanisch, Französisch oder Deutsch unterscheidet die englische Sprache keine Geschlechter. Aber auch dort gibt es Wörter, wie z.B. herrisch, frigide, schäbig oder quirlig, die ausschließlich genutzt werden, um Frauen zu beschreiben. Wörter wie herrisch oder aggressiv werden sogar in Arbeitszeugnissen genutzt.

Das ist überhaupt nicht nett.

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Nur für Mädchen

Hier ist eine Frage: Warum ist es in der Alltagssprache kein Problem, Frauen als Mädchen oder Mädels zu bezeichnen, wohingegen die Begriffe Mann und Junge nicht so einfach austauschbar sind?

Tatsächlich ist es so, dass, wenn erwachsene Männer als Jungs bezeichnet werden, dies aus Absicht geschieht. Man will ausdrücken, dass ihre Aktionen kindisch sind.

Ist es also eine Beleidigung, wenn jemand Mädchen anstatt Frauen sagt? Nicht im Geringsten. Meistens hört man das in, oftmals englischen, Redewendungen: Girls only, girls‘ night oder girl talk. In der deutschen Sprache würde man von Weiberkram oder Weiberabend reden. Diese Ausdrücke sind dabei nur die Art und Weise, wie Sprache genutzt wird.

Das macht Sprache vielleicht ein wenig sexistisch. Aber ist es tatsächlich möglich, dass eine Sprache, die sich immer verändert, zu sexistischen Klischees beiträgt?

Dazu muss man nur folgendes betrachten: Es gibt Wörter, die kein männliches Äquivalent haben. Karrierefrau, berufstätige Mutter oder auch die klischeehafte soccer mom, die bei uns als Helikoptermutter verrufen ist. Es wäre z.B. vollkommen absurd, von Karrieremännern zu reden, weil kulturell angenommen wird, dass Männer Karriere machen. Es gab einfach keine Notwendigkeit, dies herauszustellen.

Genauso wäre es merkwürdig, von soccer dads oder Helikoptervätern zu reden. Der Begriff impliziert eine Rolle, die ganz klar definiert ist: Frauen, die den Haushalt schmeißen, die Kinder zum Fußball und zur Klavierstunde fahren, natürlich in großen SUVs, eine ganze bestimmte Frisur haben und Karen heißen (zumindest entwickelt sich dies immer mehr zu einem Running Gag, ähnlich den Ostfriesenwitzen von früher).

Wie man es auch wendet, wenn es um Sexismus geht, sieht die Sprache nicht gut dabei aus.

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Und in Sprachen mit unterschiedlichen Geschlechtern?

Macht es einen Unterschied, wenn eine Sprache Wörter in männlich und weiblich unterscheidet? Selbst wenn die Spanier von la pluma und el libro reden, geht es dabei doch nur einen Stift und ein Buch.

Aber, falls du nicht nur Englisch sprechen solltest, hast du sicherlich bemerkt, dass einige Wörter eine männliche und weibliche Form haben. Das Problem daran ist, dass damit nicht unbedingt das Gleiche gemeint ist.

Im Spanischen gibt es zum Beispiel Wörter, deren weibliche Formen ausschließlich negativ konnotiert sind:

Gallo bedeutet stark, gallina hingegen feige.
Un hombre público ist ein Mann mit Einfluss, una mujer pública ist eine Prostituierte.
Gobernante ist ein Anführer, gobernanta ist eine Putzfrau.
Un sargento ist ein Feldwebel, una sargenta ist eine stämmige Frau, ein Mannsweib.

Ähnlich ist es im Französischen, wo bestimmte Begriffe für Berufe nur in der männlichen Form genutzt werden können, da die weibliche Entsprechung beleidigend oder sexuell konnotiert ist. Zum Beispiel ist der entraîneur der Trainer, une entraîneuse ist jedoch die Kellnerin.

Manchmal muss ein weibliches Hilfswort genutzt werden, z.B. bei dem Ausdruck maître assistante. Wenn man über eine*n Assistenzprofessor*in reden will, kann man maître assistent oder maître assistente sagen, jedoch niemals die weibliche Form maîtresse, die eine eindeutige sexuelle Konnotation hat.

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Le masculin l’emporte toujours sur le féminin“

Es ist zwar nur eine französische Grammatikregel, aber wörtlich übersetzt bedeutet diese, dass das Männliche immer über das Weibliche gewinnt. In der Anwendung bedeutet das z.B., wenn in einem Raum 20 Personen sind und von diesen nur eine männlich ist, spricht man dennoch von ils und nicht von elles. Genauso werden auch die Adjektive bestimmt. Demnach heißt der Satz richtig: Les garçons et les filles sont heureux (not heureuses).

Wusstest du, dass es diese Regel vor dem 17. Jahrhundert gar nicht gab?

Damals war die Grammatik weniger an Männern orientiert und man hat sich mehr an der Umgebung orientiert. In diesem Fall wäre Les garçons et les filles sont heureuses und Les filles et les garçons sont heureux beide korrekt gewesen. Da fragt man sich schon, woher diese plötzliche Regeländerung kam.

Diese maskuline Dominanz taucht ebenso auf, wenn man im Französischen, Spanischen oder Deutschen von einer gemischten Gruppe von Frauen und Männern sprechen will. Die maskuline Form ist dabei immer das „Standardgeschlecht“ und nimmt als neutrale Form auf jeden Bezug.

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Inklusiv oder unsichtbar?

Die Grammatikregeln sagen uns, dass das männliche das Standardgeschlecht für jeden ist, aber treten Frauen in den Hintergrund, wenn der Standard männlich ist?

Einige sind genau dieser Überzeugung. In der deutschen Nationalhymne wird aktuell vom Vaterland gesungen, aber einige setzen sich dafür ein, dass dieser Ausdruck in Heimatland geändert wird.

Im Englischen werden Begriffe wie mankind oder manpower für beide Geschlechter genutzt und sollen beide beinhalten. Studien zeigen jedoch, dass das nicht immer so gut funktioniert. Werden männliche Begriffe für die Bezeichnung von Berufen, z.B. Feuerwehrmann oder Polizist, benutzt, gehen Kinder viel weniger davon aus, dass Frauen in diesen Erfolg haben können.

Ähnliche Ergebnisse hatte eine französische Studie, in der die Teilnehmer eher männliche Namen genannt haben, wenn sie gefragt wurden, zwei écrivains zu nennen. Wenn man dieselbe Gruppe aber nach zwei écrivains ou écrivaines fragt, werden viel häufiger auch weibliche Namen genannt.

In einer Studie zu deutschen Berufsbezeichnungen wurden von den Teilnehmern Männer als besser geeignet für Jobs mit männlichen Titeln eingeschätzt. Wenn beide Geschlechter genutzt wurden, wurden Männer und Frauen gleichberechtigter eingeschätzt.

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Wozu Sprache ändern?

Im Jahr 2015 wurde von einem Gremium für Geschlechtergleichstellung das inklusive Schreiben, l’écriture inclusive, für die französische Sprache vorgeschlagen.

Dazu gehörten u.a. folgende Änderungen:

  • Die Abschaffung von abwertenden Ausdrücken und Phrasen wie chef de familie (Familienoberhaupt), nom patronymique (Nachname) und en bon père de famille (mit guten Gewissen)
  • Keine Nutzung von männlichen Berufstiteln für Frauen
  • Die Nutzung von der männlichen und weiblichen Form (á tour et toutes)

Die académie française lehnte diese Vorschläge jedoch ab, da diese Veränderungen zu Verwirrungen und Uneinheitlichkeit führen würden. Allerdings ist dies keine Überraschung von einer konservativen Institution, in der von 36 Mitglieder nur fünf weiblich sind und das Durchschnittsalter bei 78 liegt.

In anderen Sprachen gibt es ähnliche Debatten über inklusives Schreiben. In Spanien führte die Nutzung des männlichen Standardgeschlechts dazu, dass drei weiblichen Angestellten verspätete Gehaltszahlungen verweigert wurden, da im Vertrag explizit von trabajadores anstatt von trabajadoras gesprochen wird. Die Real Academia Española (RAE) gab denjenigen die Schuld an dieser Konfusion, die das Gefühl hatten, dass das männliche Standardgeschlecht Frauen unsichtbar machen würde.

In Deutschland verklagte eine weibliche Kundin der Sparkasse die Bank, weil sie männliche Bezeichnungen nutzte, um sie anzusprechen. Die Klage und die zwei Revisionen wurden jedoch vom Bundesgerichtshof abgewiesen, mit der Begründung, dass das Gleichstellungsgesetz nicht bedeute, dass man sie mit weiblichen Titeln anreden müsse.

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Was können wir tun?

Die Regeln einer Sprache ändern klingt nach einem Albtraum für Muttersprachler und Lernende. Allerdings sollten wir immer im Hinterkopf behalten, dass sich Sprache immer verändert und sich denjenigen anpasst, die sie nutzen.

Eine Möglichkeit der Anpassung ist die Kreation neuer Wörter. In Quebec wird das Wort mairesse, welches früher die Frau des Bürgermeisters meinte, heute als weibliche von maire genutzt.

In Deutschland hat sich die Nutzung von Ratsfrau für weibliche Ratsmitglieder durchgesetzt, ebenso der Begriff Hausmann als Entsprechung der Hausfrau. Die 9. Auflage des Dudens, ein regelmäßig aktualisiertes Deutsches Wörterbuch, hat sogar ein komplettes Kapitel über geschlechtergerechte Sprache.

In Spanien wird über die Nutzung der Wortendung „x“ anstelle von „a“ und „o“ überlegt, um so alle Geschlechter gleichermaßen einzubeziehen.

In der Zwischenzeit hilft auch das Bewusstsein, dass bestimmte Ausdrücke und Wörter wie herrisch nur genutzt werden, um Frauen zu bezeichnen, um der Nutzung dieser Begriffe entgegen zu wirken.

„Ich bin nicht herrisch. Ich bin die Chefin.“

Egal, ob Sprache sexistisch ist oder nicht, wir alle können uns dafür entscheiden, Sprache bewusster zu nutzen und uns Gedanken um die Dinge, die dahinterstehen, zu machen. Wir können uns gegen die Art und Weise stellen, wie Wörter wie z.B. herrisch genutzt werden, um Frauen und Mädchen abzuwerten.

Ebenso können wir anerkennen, dass sich Sprache verändert. Manche Ausdrücke, wie das deutsche Fräulein werden überhaupt nicht mehr genutzt. Dafür werden jeden Tag neue Wörter in die Wörterbücher aufgenommen. Wenn wir nicht offen für solche Veränderungen wären, wäre unsere Möglichkeit, uns zu verständigen und mit anderen auszutauschen, drastisch eingeschränkt.

Wenn wir es ablehnen, auf andere zu hören und über unseren Schatten zu springen, was wäre dann der Sinn daran, Sprachen zu lernen und zu nutzen?

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