6 Emotionen, die sich von Kultur zu Kultur unterscheiden

Von Adriana Stein
January 5, 2021

Gefühle sind eine knifflige Sache, denn sie lassen sich generell nur schwer kategorisieren oder einteilen, da sie sich von Mensch zu Mensch stark unterscheiden. Trotzdem gibt es natürlich auch Gemeinsamkeiten darin, wie Emotionen, basierend auf der Kultur, ausgedrückt werden. Das kann der ursprüngliche kulturelle Hintergrund einer Person sein oder eine neue Kultur, die sie übernommen hat. In jedem Fall gibt es nicht nur einen einzigen Weg, glücklich, traurig oder wütend zu sein.

Sind Emotionen in jeder Kultur gleich?

Kulturwissenschaftler definieren kulturelle Universalien als „etwas Gemeinsames, das in jeder menschlichen Kultur zu finden ist, aber doch von Kultur zu Kultur unterschiedlich ist, wie beispielsweise Werte oder Verhaltensweisen“. Das umfasst auch kulturelle Aspekte wie Traditionen, Sprache, Ausdrucksweisen, Essen, Ehe, Kunst, Musik, Humor, Sport und vieles mehr.
Jetzt also zur Frage, ob Gefühle kulturelle Universalien sind: die Antwort ist „Ja!“. Die Tatsache, dass wir als menschliches Wesen Emotionen haben, ist eine kulturelle Universalie. Einige würden sogar behaupten, dass es die Gefühle sind, die uns zu Menschen machen. Wie wir diese Gefühle dann wiederum ausdrücken, hängt stark von unserem kulturellen Hintergrund und den kulturellen Elementen um uns herum ab.

6 Emotionen, die in den verschiedenen Kulturen unterschiedlich sind

1. Wertschätzung

Wie wir Wertschätzung vermitteln oder Anderen unseren Respekt zeigen variiert stark zwischen den Kulturen. Ein Beispiel dafür ist das Schenken. In westlichen Kulturen ist es üblich, dass der Empfänger das Geschenk vor dem Schenkenden öffnet und seine Wertschätzung zum Ausdruck bringt. Wir gehen sogar einen Schritt weiter und danken der schenkenden Person, auch wenn uns das Geschenk eigentlich gar nicht gefällt.
Im Gegensatz dazu solltest du in China und Japan ein Geschenk erst öffnen, wenn die Person, die es dir geschenkt hat, weg ist. In China ist es sogar üblich, ein Geschenk mehrfach abzulehnen, bevor man es dann schließlich doch annimmt. In einer westlichen Kultur wäre das hingegen sehr unhöflich. Auch wichtig zu wissen ist, dass du in China und Japan ein Geschenk immer mit beiden Händen annehmen solltest, andernfalls wirst du als unhöflich oder arrogant betitelt.

2. Belustigung

Als amerikanische Expat in Deutschland habe ich einige Erfahrung mit dieser Emotion. Einer der größten Unterschiede, den ich hier festgestellt habe, ist, wie Deutsche ihre Belustigung zeigen und wie sie lachen. Wenn jemand in Amerika einen Witz macht, solltest du aus vollem Herzen lachen (vor allem, wenn du deine Schwiegereltern beeindrucken willst). In Deutschland ist es aber ganz normal, einen Witz zu machen und danach einfach weiterzusprechen. Oft wird nicht die kleinste Regung gezeigt. In einem meiner Deutschkurse hat mein Lehrer einmal einen Witz gerissen und ich habe im „American-Style“ herzhaft losgelacht. Das hat mir einige komische Blicke eingebracht. Deutsche sind beim Thema Belustigung also eher zurückhaltend.

3. Verlegenheit

Verlegenheit und Scham sind sehr spezifische kulturelle Merkmale. Je nachdem, wo du bist, werden sie unterschiedlich wahrgenommen. In westlichen Kulturen ist Verlegenheit eine negative Emotion und etwas, das du gern verstecken würdest. Du möchtest keine peinliche Situation hervorrufen und willst auch Anderen nicht zeigen, dass dir etwas peinlich ist. Am besten kehrt man sowas also so schnell wie möglich unter den Tisch.

In anderen Kulturen aber, wie zum Beispiel in einigen arabischen Ländern, ist Verlegenheit eine positive Emotion, weil es zeigt, dass du eine ehrenhafte Person bist. In anderen Worten: Du bist ehrenhaft, weil du dich schämen kannst. Verlegenheit und Scham werden daher positiver wahrgenommen. Wenn du diese Emotionen fühlst, kannst du also eher andere Personen um Hilfe bitten, statt deine Verlegenheit zu verstecken, wie in westlichen Kulturen.

4. Stolz

Stolz ist eine hochkomplexe Emotion, die sich zwischen den Kulturen unterscheidet, aber auch innerhalb einer Kultur und ihrer Subkulturen. Hier sieht man ganz klar den Unterschied zwischen individualistischen und kollektivistischen Kulturen. Individualistische Kulturen (wie in den USA, Deutschland oder Frankreich) fokussieren sich auf das Individuum. Ihnen ist es wichtig, unabhängig zu sein, Dinge allein zu machen und dem persönlichen Erfolg Priorität einzuräumen. In kollektivistischen Kulturen ist es hingegen essenziell, dass die Gruppe erfolgreich ist und es wird geschaut, was jeder Einzelne zu diesem gesamtheitlichen Erfolg beitragen kann.

Wie Stolz am Arbeitsplatz gezeigt wird, ist daher ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal. In individualistischen Kulturen haben die Menschen beispielsweise oft das Ziel, ihr Gehalt zu erhöhen und teilen dies dann auch stolz ihren Mitmenschen mit. In einer kollektivistischen Kultur hingegen würden sich die Menschen eher darauf konzentrieren, die Ziele der Gruppe zu teilen, statt die des Individuums. Es könnte sogar negativ aufgefasst werden, wenn du dich zu sehr auf dein eigenes Gehalt fokussierst oder offen darüber sprichst, da es das gemeinsame Gruppenziel beeinträchtigen könnte.

5. Trauer

Trauer ist Bestandteil jeder Kultur, wie diese aber ausgedrückt wird (oder wie es erlaubt wird, dies zu tun), ist sehr verschieden. Ein paar Beispiele: In streng islamischen Kulturen wird eine Scheidung als traumatischer erlebt als der Verlust eines geliebten Menschens. In westlichen Kulturen hingegen passt eine Scheidung nicht wirklich in die Kategorie „Trauer“. In europäisch-katholischen geprägten Kulturen wird Trauer oft fast stoisch hingenommen. Große Gefühlsausbrüche sind dagegen eher untypisch, vor allem bei Männern. In afrikanischen und karibischen Kulturen aber wird Trauer offen gezeigt und Menschen aller Geschlechter dazu ermuntert, sie auszudrücken. Je lauter eine Person trauert, desto mehr Respekt zollt sie dem Verstorbenen.

6. Wut

Einer Studie zufolge, die positive und negative Effekte von Wut untersucht hat, kann diese Emotion sowohl positiv als auch negativ wahrgenommen werden, je nach Kultur und Kontext. In der Studie wurden die USA (die Wut als negativ ansehen) und Japan (wo der Ausdruck von Wut positiv mit Macht assoziiert wird) gegenübergestellt. In Amerika betrachtet man Wut als ein negatives Gefühl, das zurückgehalten werden sollte. Wenn eine Person ihre Wut nicht zurückhalten kann, wird ihre mentale Stabilität infrage gestellt. In Japan hingegen werden Personen in einer Machtposition dazu ermuntert, Wut zu zeigen, um diese Macht zu unterstreichen. Wenn mächtige Personen ihre Wut nicht ausdrücken, verlieren sie ihre Macht zwangsläufig wieder (zumindest wird dies häufig so wahrgenommen). Aus diesem Grund hat das Ausdrücken von Wut nicht nur für sie, sondern auch für die Menschen in ihrem Umfeld positive Effekte. Auch hier hat der Tonfall natürlich einen großen Einfluss darauf, wie wütende Äußerungen wahrgenommen werden.