Deshalb kannst du eine Sprache nicht im Schlaf lernen

von Jakob Straub
May 10, 2021
Deshalb kannst du eine Sprache nicht im Schlaf lernen

Es klingt wie der wahr gewordene Traum eines jeden Sprachlernenden: Kopfhörer ins Ohr, ab ins Bett und am nächsten Morgen haben sich die Sprachfertigkeiten verbessert. Mit neuen Erkenntnissen in der Neurowissenschaft und einem besseren Verständnis für das menschliche Gehirn sollte Lernen im Schlaf doch bald in Reichweite sein, oder? Aber nicht ganz so voreilig. Wir erklären dir, wie Schlaf und Lernen miteinander in Verbindung stehen, weshalb einige Forschungsergebnisse vielversprechend sind und warum Lernen und Wiederholen noch immer die besten Ergebnisse liefern.

Die Wissenschaft von Lernen und Schlaf

Schlaf spielt beim Lernen eine wichtige Rolle. Lernen, Gedächtnis und Schlaf sind miteinander verbunden. Obwohl die Forschung noch lange nicht vollständig ist, zeigt sie, dass Schlaf Lernen und Gedächtnis auf zwei Arten beeinflusst. Die meisten Lernenden kennen die erste Art aus eigener Erfahrung: Schlafmangel führt zu verminderter Konzentrationsfähigkeit, sodass das Lernen schwerfällt. Die zweite Einflussart ist etwas subtiler: Schlaf spielt auch bei der Gedächtniskonsolidierung eine Rolle.

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Wissenschaftlich ausgedrückt hat das Gedächtnis drei Funktionen:

  1. Akquisition: Es werden neue Informationen ans Gehirn weitergegeben.
  2. Konsolidierung: Bei diesem Prozess werden stabile Erinnerungen gebildet.
  3. Abruf: Bewusster oder unbewusster Zugriff auf gespeicherte Informationen.”

Schlaf und Gedächtnis

Akquisition und Abruf werden normalerweise mit Wachsein in Verbindung gebracht. Analysen von Gehirnwellen zeigen, dass die Gedächtniskonsolidierung im Schlaf geschieht. Während du also deinen Schönheitsschlaf hältst, führt dein Gehirn Selbstgespräche und stärkt neuronale Verbindungen, um stabile Erinnerungen aufzubauen. Nachts hat der Schlaf unterschiedliche Phasen und die Forschung geht davon aus, dass diese Phasen auch mit unterschiedlichen Gedächtnistypen in Verbindung stehen.

Das deklarative Gedächtnis beruht auf faktenbasierten Informationen und beantwortet normalerweise „Was“-Fragen, wie zum Beispiel „Was ist die Hauptstadt Deutschlands?“

Das prozedurale Gedächtnis steht mit dem „Wie“ einer Aktivität in Verbindung, also einer Fähigkeit wie Schwimmen oder Zeichnen. Die Konsolidierung des deklarativen Gedächtnisses scheint scheinbar tendenziell in der erholsamen Tiefschlafphase zu erfolgen, während REM- oder Traumschlaf eher mit der Konsolidierung des prozeduralen Gedächtnisses verbunden ist.

Und das ist wichtig für Lernende: Schlafmangel und schlechter Schlaf beeinflussen das Lernen negativ. Nicht nur wird deine Fähigkeit vermindert, neue Informationen aufzunehmen, sondern auch die Gedächtniskonsolidierung wird gehemmt.

Kann man unbewusst lernen?

Es gibt zahlreiche Studien zur Gedächtniskonsolidierung von Wissen, das im wachen Zustand aufgenommen wurde. Untersuchungen der Universität Bern in der Schweiz haben allerdings gezeigt, dass Vokabeln erfolgreich während der Tiefschlafphase gelernt werden können. Die Testpersonen konnten sich an Wörter erinnern, die sie im Schlaf gelernt hatten und konnten diese im Wachzustand abrufen. Das Gehirn schien also offenbar die gleichen Strukturen zum Lernen zu verwenden, egal ob im Wachzustand oder im Schlaf.

Die Interfakultäre Forschungskooperation Schlaf hat gezeigt, dass ein schlafender Mensch neue semantische Verbindungen zwischen neuen Wörtern in einer Fremdsprache und der dazugehörigen Übersetzung bilden kann. Während des Tiefschlafs wechseln die Gehirnzellen etwa jede halbe Sekunde zwischen einem aktiven und einem inaktiven Zustand hin und her. Im sogenannten „Up-state“ sind die Gehirnzellen in der Lage, Informationen zu kodieren und zu speichern.

Diese Ergebnisse zeigen, dass die Sprachregionen des Gehirns und des Hippocampus, also dem Erinnerungszentrum, die Bildung von Erinnerungen steuern, und zwar unabhängig davon, ob der Mensch wach ist oder schläft. Mit anderen Worten: Man muss nicht bei Bewusstsein sein, um Erinnerungen zu bilden – es IST also möglich, neue Vokabeln im Schlaf zu lernen!Maschinelles Sprachenlernen: Was ist linguistische Datenverarbeitung?

Erinnerungen allein sind nicht gleich Sprachenlernen

Bevor du jetzt aber deine Lehrbücher wegwirfst und deinen Online-Sprachkurs beendest, denk bitte kurz über folgendes nach: Ja, diese neuen Erkenntnisse zum Lernen im Schlaf sind wichtig für die Praxis. Frühere Theorien, die davon ausgingen, dass Erinnerungen nur im Wachzustand gebildet werden können, werden hier infrage gestellt. Schlaf scheint also ein mentaler Zustand zu sein, der fließender ist, als vielleicht angenommen wurde, und in dem wir noch eine mögliche Verbindung zur wachen Welt haben.

Aber vergiss nicht, dass dies experimentelle Untersuchungsergebnisse sind. Erst aus weiterer Forschung wird hervorgehen, wie der Tiefschlaf zur Bildung neuer Erinnerungen genutzt werden kann, und mit welcher Effizienz oder möglichen Nebenwirkungen. Du kannst also davon ausgehen, dass es in nächster Zeit keine App zum Herunterladen geben wird – so enttäuschend dies auch sein mag.

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Sprachenlernen ist mehr als nur Vokabeln

Abgesehen davon hat die Schlafforschung der Uni Bern nur gezeigt, dass man im Schlaf Informationen für das deklarative Gedächtnis sammeln kann, was zwar zum Lernen von Vokabeln genutzt wird, aber andere Aspekte beim Sprachenlernen nicht berücksichtigt, also das „Wie“ des prozeduralen Gedächtnisses.

  • Grammatik zu verstehen und zu lernen ist komplexer als faktenbasiertes Wissen. Du musst die Dinge im Kontext sehen und die Beziehungen zwischen Wörtern in ganzen Sätzen begreifen.
  • Du musst Erfahrung mit der Aussprache sammeln. Durch Lernen im Schlaf kannst du dir womöglich aneignen, ein Wort wiederzuerkennen, wenn es richtig ausgesprochen wird, aber du musst es auch selbst wieder und wieder aussprechen.
  • Bis jetzt wurden bei Lernexperimenten Audioaufnahmen verwendet, um neue Wörter zu vermitteln. Dabei wurde die korrekte Schreibweise vollkommen vernachlässigt.
  • Lernen im Schlaf ist passives Lernen – schließlich bist du ja bewusstlos! Auf keinen Fall könntest du also so das interaktive Lernen wie im echten Unterricht erleben, wo du aus deinen Fehlern lernst und von einer erfahrenen Lehrkraft korrigiert wirst.
  • In der Schlaflernforschung wurden unbewusstes Abrufen von Erinnerungen und testähnliches Abrufen nachgewiesen. Eine Vokabel ist etwas anderes als wenn dein Gehirn nach dem korrekten Wort sucht, um einen Satz zu bilden. Weitere Forschung wird zeigen müssen, wie zugänglich das im Schlaf erworbene Wissen in Alltagssituationen ist.

Tipps für Sprachlernende, um Wissen zu speichern


Da haben wir es also: Die Wahrheit ist, dass Lernen im Schlaf trotz vielversprechender Ergebnisse und Lerntheorien noch immer weit davon entfernt ist, als Technologie den Markt im großen Stil zu erobern. Trotzdem möchten wir aber unseren Artikel zuversichtlich beenden und dir Tipps geben, wie du den Zusammenhang zwischen Schlaf und Lernen für das bessere Speichern von Wissen ab sofort nutzen kannst! Mit diesen einfachen Schritten geht dir das Sprachenlernen leichter von der Hand:

  • Du lernst effizienter, wenn du gut ausgeruht bist. Du solltest den Unterricht oder deine Lerneinheit frisch und fit beginnen oder, falls nötig, ein kurzes Nickerchen davor einschieben. Erschöpfung und Schlafmangel werden dir das Lernen ungemein erschweren.
  • Achte darauf, jede Nacht ausreichend und gut zu schlafen, und ganz besonders nach lernintensiven Tagen, damit du die Gedächtniskonsolidierung unterstützt. Die meisten Erwachsenen brauchen sieben bis acht Stunden Schlaf, sei hier also nicht knauserig. Versuche außerdem, deinem Gehirn nach dem Unterricht eine kleine Pause zu gönnen und stürze dich nicht sofort in eine andere mental anspruchsvolle Aktivität oder in Ablenkung, wie etwa Social Media. Sonst drängst du das eben Gelernte buchstäblich wieder aus deinem Kopf heraus!
  • Je früher du die Information nach dem Lernen durch Übung festigst, desto mehr wirst du behalten.
  • Wiederholung ist hier der Schlüssel zum Speichern von Informationen, aber noch besser ist das Unterrichten: Wenn du einem anderen Lernenden erklärst, was du gelernt hast, wirst du es besser im Gedächtnis behalten.
  • Wenn du das Gelernte genau zum richtigen Zeitpunkt wiederholst, maximierst du, wie viel dir im Gedächtnis bleibt. Die sogenannte „Vergessenskurve“ ist das Prinzip der zeitversetzten Wiederholung. Du solltest das Gelernte über zwei Wochen nach dem Lernen mindestens fünfmal wiederholen, um so dein Gedächtnis zu stärken.
    Möchtest du wissen, wie du deine Sprachlernfähigkeiten außerdem noch verbessern kannst? Hier findest du fünf gute Angewohnheiten, die dir beim Sprachenlernen helfen!

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